Eltern

Willst du es mehr als dein Kind?

Wenn ein Kind gut Fußball spielt, freut sich der Vater. Aber irgendwann muss er sich fragen, ob er noch begleitet oder schon den Weg vorgibt.

Aktualisiert am 8 Minuten Lesezeit
Ein Vater beobachtet ein Kind beim Fußballtraining

Manchmal beginnt Erwartungsdruck mit einem Satz am Spielfeldrand.

„Dein Sohn ist richtig gut.“

So etwas hört man als Vater natürlich gern. Erst recht, wenn das eigene Kind gerade in einer neuen Mannschaft angekommen ist.

Bei uns war Fußball am Anfang vor allem ein Weg, nach einem Umzug anzukommen. Mein Sohn fand schnell Freunde. Er gehörte zu einer Gruppe, hatte feste Bezugspunkte und freute sich auf die anderen Kinder. Das war für mich erst einmal wichtiger als jedes Tor.

Dann kamen die Rückmeldungen. Andere Eltern sagten, er falle sportlich auf. Sie lobten sein Spielverständnis, seine Technik und seine Rolle in der Mannschaft.

Und irgendwann fragt man sich als Vater: Woran merkt man eigentlich, ob ein Kind wirklich gut ist?

Aus dieser Frage wurde Recherche. Ich wollte verstehen, welche Möglichkeiten es gibt: Leistungsvergleiche, Turniere, Spielfeste mit stärkeren Gegnern, Angebote gegen andere gute Kinder.

Das ist nicht automatisch falsch. Wenn ein Kind unterfordert ist, kann es die Lust verlieren. Wenn es ehrgeizig ist, braucht es passende Herausforderungen. Ich wollte nicht, dass mein Sohn sich langweilt.

Aber irgendwann kommt eine zweite Frage dazu. Sie ist unbequemer.

Will mein Kind Fußball spielen, oder will ich, dass mein Kind Fußball spielt?

Woran ich merke, dass er es selbst will

Bei meinem Sohn sehe ich viele Zeichen, dass der Fußball von ihm kommt.

Er freut sich auf das Training. Er freut sich auf Spielfeste und Turniere. Nach dem Training will er oft weiterspielen. Am Wochenende fragt er von sich aus, ob wir kicken gehen.

Er interessiert sich auch für das Spiel selbst. Wenn wir im Stadion sind oder ein Spiel im Fernsehen läuft, schaut er wirklich hin. Er fragt, warum ein Verteidiger so steht. Warum der Torwart rauskommt. Warum ein Spieler den Ball nicht direkt schießt.

Das ist für mich ein wichtiges Zeichen. Es geht nicht nur darum, dass er gerne rennt oder Tore schießt. Er will das Spiel verstehen.

Trotzdem reicht diese Beobachtung nicht. Denn auch wenn ein Kind Fußball liebt, kann der Vater zu viel daraus machen.

Wo ich zu viel wurde

Ganz am Anfang ist mir genau das passiert.

Mein Sohn hat mit vier Jahren angefangen, einmal pro Woche Fußball zu spielen. Später kam in der U6 ein zweites Training dazu, außerdem Spielfeste am Wochenende.

Ich habe damals am Spielfeldrand viele Tipps gegeben. Zu viele.

„Mach das.“ „Geh dahin.“ „Probier das.“

Ich meinte es gut. Aber irgendwann habe ich gesehen, dass mein Sohn überfordert war.

Der Trainer sagte etwas. Ich sagte etwas. Mein Sohn versuchte, alles gleichzeitig umzusetzen.

Für ein vierjähriges Kind ist das zu viel.

Das war ein wichtiger Moment für mich. Ich habe gemerkt: Nur weil ein Hinweis richtig sein könnte, heißt das nicht, dass er in diesem Moment hilft.

Seitdem rufe ich am Spielfeldrand nicht mehr rein.

Wenn Training ist, ist der Trainer zuständig. Wenn ein Spiel läuft, spielt mein Kind. Ich bin Vater. Nicht Co-Trainer, nicht Personal Coach, nicht der dritte Ansager von außen.

Wenn mir etwas auffällt, kann ich später mit dem Trainer sprechen. Zum Beispiel: „Ich habe bei meinem Sohn das und das beobachtet. Wie siehst du das?“ Aber mein Kind während des Spiels mit Anweisungen zu füllen, hilft ihm nicht.

Was Trainer dazu sagen

Meine Erfahrung passt zu dem, was viele Trainer und Verbände im Kinderfußball betonen.

Der DFB begründet die neuen Spielformen in der G-, F- und E-Jugend damit, dass Kinder mehr Ballkontakte, mehr Beteiligung und mehr Erfolgserlebnisse bekommen sollen. In der G- und F-Jugend gibt es keine Meisterschaftsrunde. Dadurch soll Leistungsdruck sinken und die Entwicklung der Kinder stärker in den Mittelpunkt rücken.

Auch die DFB-Trainingsvision formuliert den Punkt klar: Kinderfußball müsse sich an den Interessen und am aktuellen Können der Kinder orientieren, nicht an den Vorstellungen der Erwachsenen.

Das ist im Grunde die offizielle Version meiner Vaterfrage: Will mein Kind das gerade? Oder will ich das gerade?

Mario „Harry“ Jurkschat, Kinder- und Jugendtrainer bei der HSV-Fußballschule, sagt in einem Interview mit dem HSV: „Nicht ich bin wichtig, sondern das Kind.“ Er beschreibt gute Förderung nicht als ständiges Ansagen, sondern als Geduld, Fragen, Begleitung und Lob. Ein guter Trainer hilft dem Kind, selbst Lösungen zu finden.

Das gilt für Väter erst recht.

Ralf Klohr, der Erfinder der FairPlayLiga, hat für den Kinderfußball ein hilfreiches Prinzip geprägt: „Anfeuern ja, Steuern nein“ (FUSSBALL.DE). Eltern sollen unterstützen, aber das Spiel nicht von außen lenken. Genau das ist am Spielfeldrand schwerer, als es klingt. Vor allem, wenn man sieht, dass das eigene Kind etwas besser machen könnte.

Das heißt nicht: keine Förderung. Es heißt: Förderung muss zum Alter, zum Kind und zum Moment passen.

Wie ich diese Grenze im Fußballalltag suche, habe ich in der Übersicht zur Rolle der Eltern im Kinderfußball zusammengetragen.

Das Interessenfenster

Eine Sache habe ich für mich gelernt: Es gibt beim Kind so etwas wie ein Interessenfenster.

Manchmal ist mein Sohn offen für einen Tipp. Dann hört er zu, fragt nach oder will etwas ausprobieren. Manchmal passt es gar nicht. Dann beschäftigt ihn etwas anderes. Das merkt man schnell.

Früher hätte ich vielleicht versucht, trotzdem zu erklären. Heute versuche ich erst einmal vorzufühlen.

„Wollen wir das mal ausprobieren?“ „Hast du gerade Lust?“ „Oder lieber einfach spielen?“

Wenn er möchte, machen wir etwas. Wenn nicht, ist das auch okay.

Ein Beispiel: Ich hatte mal auf Social Media ein Trick-Tutorial gesehen. Der Trick sah einfach aus und hätte im Spiel gut helfen können. Ich dachte: Den kann er schnell lernen. Aber er wollte nicht. Vielleicht war es der falsche Zeitpunkt. Vielleicht war es einfach nicht sein Thema.

Das habe ich erst hinterher verstanden.

Anders war es beim Torwartspiel. Am Anfang wollten viele Kinder Torwart sein. Mein Sohn auch. Sportlich habe ich nicht gedacht, dass das sein wahrscheinlichster Weg wird. Aber das war in dem Moment egal.

Er wollte Torwart sein. Also haben wir im Garten Torwart gespielt. Ich habe geschossen, er ist nach dem Ball gesprungen. Kein richtiges Training. Einfach gemeinsames Spiel.

Das ist ein Unterschied.

Beim Trick kam der Impuls von mir. Beim Torwartspiel kam er von ihm.

Gute Förderung darf nicht zur Überforderung werden

Natürlich habe ich eigenen Ehrgeiz.

Welcher fußballbegeisterte Vater freut sich nicht, wenn sein Kind gut spielt?

Dieser Ehrgeiz ist auch ein Grund, warum ich mich informiere. Ich möchte verstehen, wie Talentförderung in Deutschland funktioniert. Mir kommt vieles daran intransparent vor. Welche Wege gibt es? Welche Angebote sind sinnvoll? Wann ist ein Kind unterfordert? Wann wird es zu viel?

Wie ich dauerhaftes Zusatztraining in der U6 und U7 bewerte, ist ein konkretes Beispiel für diese Abwägung.

Diese Fragen finde ich legitim.

Aber der Ehrgeiz darf nicht führen. Er darf antreiben, dass ich mich informiere. Er darf nicht bestimmen, was mein Kind wollen soll.

Gerade bei einem sechsjährigen Kind muss man aufpassen. Zweimal pro Woche Training, jeweils anderthalb Stunden, dazu Spielfeste am Wochenende. Das ist schon ein ordentliches Pensum. Es kann genau richtig sein, wenn das Kind Freude daran hat. Es kann aber auch zu viel werden.

Deshalb schaue ich nicht nur auf Fußball.

Ich schaue auf Vorfreude. Auf Körpersprache. Auf Energie. Auf Schule. Auf Gesundheit.

Ist er vital? Freut er sich auf das nächste Training? Wirkt er dauerhaft müde? Wird er auffällig häufig krank? Geht er Situationen aus dem Weg? Wirkt er gelangweilt oder lustlos?

Ein sechsjähriges Kind sagt vielleicht nicht sauber: „Papa, ich fühle mich überfordert.“ Manchmal zeigt es das eher im Verhalten.

Und wenn irgendwann der Satz käme: „Papa, können wir mal Pause vom Fußball machen?“, müsste ich das ernst nehmen.

Die Frage bleibt

Für mich ist die wichtigste Frage nicht: Wie gut ist mein Kind?

Die wichtigere Frage ist:

Will ich es mehr als mein Kind?

Diese Frage muss man sich nicht einmal stellen und dann abhaken. Man muss sie regelmäßig stellen. Besonders, wenn das Kind auffällt. Besonders, wenn andere Eltern loben. Besonders, wenn man anfängt zu recherchieren, zu vergleichen und Möglichkeiten zu prüfen.

Es ist nicht schlimm, wenn man als Vater tiefer im Thema steckt als das Kind. Das ist wahrscheinlich sogar normal. Erwachsene können recherchieren, einordnen und langfristiger denken. Kinder leben stärker im Moment.

Aber genau deshalb liegt die Verantwortung beim Vater.

Ich darf Möglichkeiten prüfen. Ich darf Gespräche führen. Ich darf Angebote vergleichen. Ich darf meinem Kind helfen, besser zu werden.

Aber ich muss Vater bleiben.

Nicht Trainer. Nicht Mannschaftskamerad. Nicht Personal Coach. Nicht Manager einer möglichen Karriere.

Wenn mein Sohn in zwei Wochen sagt, dass er lieber schwimmen möchte, muss das auch okay sein. Vielleicht wäre das für mich nicht sofort leicht. Aber es müsste okay sein.

Denn am Ende geht es nicht darum, dass mein Kind meinen Fußballtraum erfüllt. Es geht darum, dass es seinen eigenen Weg findet. Im Fußball oder woanders.

Checkliste für Fußballväter

Diese Fragen helfen mir, mich selbst zu prüfen:

  • Fragt mein Kind von sich aus nach Fußball?
  • Freut es sich auf Training, Spiele und Turniere?
  • Will es nach dem Training manchmal weiterspielen?
  • Spreche ich nach dem Training mehr als mein Kind?
  • Gebe ich Tipps, obwohl gerade kein Interesse da ist?
  • Rufe ich im Spiel Dinge rein, die eigentlich der Trainer klären sollte?
  • Habe ich eine Beobachtung erst mit dem Trainer besprochen, bevor ich mein Kind damit belaste?
  • Kann mein Kind ohne Angst sagen, dass es heute keine Lust hat?
  • Bleiben Schule, Gesundheit und Familienalltag stabil?
  • Ist Fußball für mein Kind gerade Energiequelle oder Belastung?
  • Würde ich es akzeptieren, wenn mein Kind den Sport wechseln möchte?

Die letzte Frage ist wahrscheinlich die härteste.

Aber vielleicht ist sie genau deshalb die wichtigste.