Eltern

Eltern am Spielfeldrand: Anfeuern, coachen oder besser schweigen?

Am Spielfeldrand wollen Eltern helfen. Ich zeige, warum ich nicht hineinrufe und wie ich meinen Sohn trotzdem sichtbar unterstütze.

Aktualisiert am 9 Minuten Lesezeit
Eine Kinderhand und eine Männerhand beim High Five

Samstagmorgen, kurz nach neun. U7-Spielefest.

Die Kinder sind wach. Die Erwachsenen tun nur so. Einer zieht noch einen Schnürsenkel fest, einer sucht den zweiten Schienbeinschoner und irgendwo erklärt bereits ein Vater, dass seine Mannschaft heute unbedingt „breit stehen“ müsse. Die Kinder sind sechs Jahre alt.

Auf dem Platz laufen vier Kinder dem Ball hinterher. Der Ball hat offenbar andere Pläne. Nebenan beginnt das nächste Spiel, am Rand klatschen Eltern, ein Trainer ruft Namen und irgendjemand ruft „Spiel ab!“, obwohl niemand genau weiß, wohin eigentlich.

Mein Sohn bekommt den Ball. Er versucht etwas. Es klappt nicht. Der Ball ist weg, und für einen kurzen Moment steht er da und schaut zu mir.

Das ist der Moment, in dem ich sehr viel sagen könnte.

„Kopf hoch.“

„Lauf weiter.“

„Du musst früher abspielen.“

Ich sage nichts. Nicht, weil mir die Szene egal ist. Sondern weil mein Sohn gerade Fußball spielt und keine Fernbedienung braucht.

Ich bin Zuschauer, Motivator und Vater. Der zweite Trainer bleibt zu Hause.

Wir sprechen während des Spiels ohne Worte

Mein Sohn ist sechs Jahre alt und spielt in einer U7-Mannschaft. Während des Spiels suchen wir manchmal Blickkontakt.

Wenn er eine gute Aktion macht, gibt es eine Faust nach oben, ein kurzes Lächeln oder Applaus. Er sieht dann: Papa hat es gesehen.

Das ist etwas anderes als „Pass auf!“ oder „Spiel ab!“. Eine Anweisung schiebt meine Entscheidung in seine Spielsituation. Eine Geste lässt seine Entscheidung bei ihm.

Zwischen zwei Spielen kommt er manchmal zu mir und fragt, ob ich eine bestimmte Aktion gesehen habe. Dann sage ich ihm, dass ich sie gut fand und dass er weitermachen soll.

Ich spreche dabei nicht nur über Tore. Tore sind praktisch. Jeder sieht sie, jeder kann sofort jubeln und niemand muss lange überlegen, worüber er nach dem Spiel sprechen soll. Aber Freude, Mut und Einsatz verschwinden nicht, nur weil der Ball am Tor vorbeigeht.

Der Pass kann schlecht ankommen und trotzdem eine gute Idee sein

Natürlich bekommt mein Sohn Lob, wenn er ein Tor macht, ein Tor verhindert oder einen Zweikampf gewinnt. Das sind sichtbare Erfolge.

Mich interessiert, was vor dem Ergebnis passiert ist.

Wollte er abspielen, weil ein Mitspieler besser stand? Hat er die Situation erkannt, den Ball aber noch nicht sauber genug gespielt? Dann ist der Pass nicht angekommen. Die Idee war trotzdem da.

Das rufe ich nicht während des Spiels. Wenn später Ruhe ist, kann ich sagen: „Ich habe gesehen, dass du ihn anspielen wolltest. Die Idee war gut. Diesmal hat es mit der Ausführung noch nicht geklappt. Versuch es wieder.“

Die Ausführung kommt mit der Zeit. Die Entscheidung soll er selbst treffen. Nicht, weil ich sie vom Rand aus diktiere.

Am Spielfeldrand ist es schnell lauter, als man denkt

Bei einem U7-Spielefest mischen sich die Stimmen schneller als die Mannschaften.

Der Trainer ruft „Breit!“. Ein Mitspieler schreit „Hier!“. Vom Nachbarfeld kommt ein Torjubel, obwohl dort niemand genau weiß, wer gerade getroffen hat. Hinter mir ruft jemand „Beweg dich!“, vor mir klatscht jemand, und irgendwo fällt ein Becher auf den Boden.

Mein Sohn muss in diesem Durcheinander nicht noch meine Stimme sortieren. Er hat mit dem Ball schon genug zu tun.

Wenn dann auch noch der eigene Vater Anweisungen gibt, kommt eine Stimme dazu, die das Kind während des Spiels nicht braucht.

Ich beobachte oft, dass Kinder nach einer Aktion direkt zu ihren Eltern schauen. Nicht nur, weil sie sich freuen. Sie prüfen auch, wie die Aktion bewertet wird.

Das passiert nach einer guten Aktion und nach einem Fehler. Der Blick zum Rand kostet nur einen Moment. Im Kinderfußball kann dieser Moment schon reichen, um die nächste Spielsituation zu verpassen.

Kinder müssen sich im Spiel falsch entscheiden dürfen. Sonst lernen sie vor allem, auf die richtige Reaktion von außen zu warten. Das ist dann zwar ordentlich begleitet, aber kein besonders freies Fußballspiel mehr.

Der Ball ist weg. Der Kommentar kann warten.

Ein Kind schießt nicht absichtlich daneben.

Das ist mein Satz für den Spielfeldrand. Nicht als Plakat. Eher als kleine Notiz im Kopf, wenn der Ball gerade drei Meter am Tor vorbeigegangen ist und ich schon weiß, was „besser“ gewesen wäre.

Ein Schritt früher. Ein Pass zur Seite. Schuss ins andere Eck. Die bessere Version der Szene hat nur einen Nachteil: Sie findet nicht statt.

Die Chance ist vorbei. Vielleicht ist mein Sohn enttäuscht oder wütend. Wenn ich jetzt kritisiere, verlängere ich den Fehler. Der Ball ist weg, aber mein Kommentar läuft noch hinterher.

Für mich ist ein U7-Spiel kein Test, den ein Kind mit der richtigen Anweisung bestehen muss. Es besteht aus Entscheidungen: dribbeln oder abspielen, nachsetzen oder stehen bleiben, den Ball mitnehmen oder direkt schießen.

Wenn ich jede dieser Entscheidungen vom Rand aus korrigiere, spielt mein Sohn irgendwann nicht mehr nur gegen die andere Mannschaft. Dann spielt er auch gegen meine Kommentare.

Die kurze Pause ist der eigentliche Test

Zwischen zwei Spielen kommt mein Sohn manchmal zu mir. Roter Kopf, dreckige Knie, ein Schluck Wasser. Ich könnte jetzt erklären, warum der Pass nicht angekommen ist.

Ich könnte. Ich mache es nicht.

Stattdessen fragt er manchmal: „Hast du das gesehen?“

Dann sage ich: „Ja.“

Mehr braucht es oft nicht. Wenn er wissen will, was ich gesehen habe, erzähle ich es ihm. Wenn nicht, bleibt die Szene auf dem Platz.

Das ist auch der Unterschied zwischen Anfeuern und Coachen. Anfeuern heißt: Ich freue mich mit, klatsche und bleibe nach einem Fehler an seiner Seite. Coachen heißt: Ich bestimme vom Rand aus die nächste Aktion.

Bei einer knappen Torchance rufe ich vielleicht auch einmal auf. Ein spontaner Jubelruf ist etwas anderes als eine Anweisung nach jedem Ballkontakt.

Die Frage ist simpel: Unterstütze ich mein Kind gerade oder will ich es mehr als mein Kind?

Der Fußball-Verband Mittelrhein fasst diese Haltung in der Fan-Regel der FairPlayLiga knapp zusammen: Anfeuern ja, Steuern nein. Eltern sollen Abstand zum Spielfeld halten, während die Kinder eigene Entscheidungen treffen und die Trainer die nötigen Anweisungen geben. Zur FairPlayLiga des FVM

Auch der DFB weist in seinem Elternflyer auf die Vorbildrolle der Erwachsenen hin und warnt vor negativen Kommentaren und wütenden Reaktionen am Spielfeldrand. Zum DFB-Elternflyer „Fair bleiben, liebe Eltern!“

Drei Fragen für den Spielfeldrand

Bevor ich etwas rufe, frage ich mich:

  • Unterstütze ich mein Kind gerade oder will ich die Aktion kontrollieren?
  • Muss mein Sohn diese Entscheidung selbst treffen?
  • Würde ich denselben Satz auch sagen, wenn niemand am Rand zuhört?

Was ich nicht rufe

Der DFB nennt in seinem Elternflyer Beispiele für negative Zurufe. Weitere Sätze kenne ich aus Beobachtungen am Spielfeldrand:

  • „Pass besser auf!“
  • „Stell dich nicht so an!“
  • „Konzentrier dich!“
  • „Spiel ab!“
  • „Beweg dich!“
  • „Mach den rein!“

Nicht jeder Satz ist in jeder Situation gleich problematisch. Aber ich kenne meine Grenze: Was eine Entscheidung vorgibt, einen Fehler bewertet oder Druck auf das nächste Tor macht, bleibt bei mir. Neben all den anderen Sätzen, die ich an diesem Vormittag nicht rufe.

Nach dem Spiel beginnt kein Verhör

Nach dem Spiel gibt es ein High Five. Egal, wie es gelaufen ist.

Wenn mein Sohn enttäuscht ist, sage ich manchmal gar nichts. Er hat die Gegentore selbst gesehen. Er weiß, dass manches nicht funktioniert hat. Dafür braucht er keine Wiederholung auf der Rückfahrt.

Wenn er später reden will, reden wir. Dann frage ich: „Was hat dir gefallen?“ oder „Was war schwierig?“

Ich will wissen, wie er das Spiel erlebt hat. Nicht nur, wie es von außen ausgesehen hat.

Was meine Rolle als Vater im Kinderfußball ausmacht, zeigt sich für mich deshalb auch nach dem Abpfiff.

Die Bande hält meine Zurufe nicht zurück

In unserem Verein gibt es eine klare Regel: Die Eltern bleiben hinter der Bande und betreten das Spielfeld nicht. Das funktioniert gut.

Für Zurufe gibt es keine feste Regel. Das ist schwer umzusetzen. Fußball ist emotional. Eltern wollen ihr Kind anfeuern. Manchmal geht die Begeisterung dabei über die Bande hinaus, obwohl die Eltern brav dahinterstehen.

Die Bande regelt aber nur, wo die Eltern stehen. Sie regelt nicht, was sie sagen. Auch hinter der Bande kann ich mein Kind mit jedem Ballkontakt steuern und jede Aktion kommentieren.

Für mich gehört deshalb eine zweite Grenze dazu: Ich bleibe außerhalb des Spielfelds und halte mich auch mit Anweisungen zurück.

Das bedeutet nicht, dass ich gleichgültig bin. Im Gegenteil. Ich schaue genau hin. Ich freue mich mit. Ich merke, wenn mein Sohn stolz auf eine Aktion ist oder nach einem Fehler kurz den Kopf hängen lässt.

Gerade weil ich aufmerksam bin, muss ich nicht jede Beobachtung aussprechen. Das ist vermutlich eine der schwierigeren Übungen im Kinderfußball. Direkt danach kommt nur noch, beim Klatschen nicht die Trinkflasche umzustoßen.

Meine drei Regeln am Spielfeldrand

Erstens: Ich feuere an, aber ich spiele nicht von außen mit.

Zweitens: Nach einem Fehler bekommt mein Sohn nicht sofort meine Analyse.

Drittens: Wenn er zu mir schaut, frage ich mich, ob er mich sucht oder meine Bewertung.

In unserem Verein bleiben die Eltern hinter der Bande. Das regelt, wo wir stehen. Was ich sage, muss ich trotzdem selbst regeln.

Zuschauer und Motivator, aber kein zweiter Trainer

Ein Kind wird nicht automatisch besser, weil seine Eltern von außen jede Aktion kommentieren. Mein Sohn soll durch Spielen, Ausprobieren, Fehler und eigene Erfahrungen lernen.

Das dauert. Er wird sich noch oft falsch entscheiden. Er wird Chancen vergeben und den Ball verlieren. Ich werde das sehen. Vermutlich werde ich manchmal sogar schon wissen, was er beim nächsten Mal anders machen könnte. Das ist der Fluch des Elternblicks: Er findet Lösungen, sobald die Situation vorbei ist.

Meine Aufgabe ist trotzdem nicht, jede falsche Entscheidung zu verhindern. Ich kann sie ihm ohnehin nicht abnehmen. Ich kann ihm zeigen, dass ich da bin.

Deshalb bleibe ich am Spielfeldrand Zuschauer und Motivator. Ich feuere an, klatsche und suche den Blickkontakt.

Und wenn der Ball wieder weg ist, lasse ich ihn erst einmal selbst hinterherlaufen.