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Ist Zusatztraining im Kinder- und Jugendfußball sinnvoll?

Die Angst, eine Chance zu verpassen, treibt viele Eltern zum Zusatztraining. Dieser Ratgeber zeigt, wann es Kindern wirklich hilft und wann freies Spielen wichtiger ist.

Aktualisiert am 11 Minuten Lesezeit
Ein Vater begleitet ein Kind beim Fußballtraining

Die größte Sorge ambitionierter Eltern liegt in dem Gedanken, Jahre später auf den Fußballweg des eigenen Kindes zurückzublicken und zu merken: Wir hätten mehr tun können.

Wir hätten früher Zusatztraining organisieren, eine Schwäche erkennen oder eine Chance nutzen müssen. Vielleicht wäre dann sogar der Sprung in ein Nachwuchsleistungszentrum möglich gewesen.

„Hätten wir damals mehr gemacht, würde unser Kind heute vielleicht im Nachwuchsleistungszentrum spielen.“

Dieses „Hätten wir doch“ entsteht nicht aus einer sicheren Analyse. Niemand kann wissen, ob eine zusätzliche Stunde pro Woche den Weg eines Kindes verändert hätte. Es entsteht aus schlechtem Gewissen. Aus der Angst, als Eltern nicht alles getan zu haben.

Diese Angst macht Zusatztraining so attraktiv. Es verspricht mehr als Ballkontakte: das beruhigende Gefühl, keine Möglichkeit ausgelassen zu haben. Dieses Gefühl beantwortet aber noch nicht die Frage: Braucht mein Kind dieses Training wirklich?

Die Antwort hängt vom Alter, vom Kind und vom konkreten Ziel ab. Zusatztraining im Kinderfußball U6 bis U8 ist eine andere Entscheidung als Zusatztraining im Jugendfußball ab U9.

Die grundsätzliche Vaterfrage dahinter habe ich mir schon einmal ausführlicher gestellt: Willst du es mehr als dein Kind?

Die Angst vor der verpassten Chance

Ich kenne die Gedanken selbst. Andere Kinder machen Zusatztraining. Was passiert, wenn mein Sohn es nicht macht? Wird er schlechter? Wird er irgendwann weniger spielen? Werden andere Kinder gesehen, während er unter dem Radar bleibt?

Bei ambitionierten Eltern kommt eine weitere Sorge hinzu: Was, wenn wir später feststellen, dass wir den Weg hätten vorbereiten können? Was, wenn ein Trainer, ein Verein oder ein Nachwuchsleistungszentrum irgendwann sagt, dass eine Fähigkeit fehlt, die wir früher hätten fördern können?

Dann wäre es leicht, die Vergangenheit neu zu erzählen. Hätten wir damals nur dieses Zusatztraining gebucht. Hätten wir früher mit ihm an seiner Technik gearbeitet. Hätten wir die Chance nicht verstreichen lassen.

Nur: Diese Rechnung lässt sich nie überprüfen. Niemand kann später sagen, welche zusätzliche Einheit welchen Unterschied gemacht hätte. Das schlechte Gewissen sucht trotzdem nach einer Handlung, die es beruhigt.

Zusatztraining kann deshalb zu einer Art Versicherung gegen die Angst werden. Eltern können sich sagen: Wir haben alles versucht. Das beruhigt das Gewissen, beweist aber noch nicht, dass der Termin dem Kind hilft.

„Was, wenn wir genau die Chance verpassen, die später niemand zurückbringt?“

Würde ich das Zusatztraining auch buchen, wenn niemand davon erfahren würde und dort garantiert kein Scout auftaucht?

Zusatztraining im Kinderfußball: U6 bis U8

Im Kinderfußball würde ich zuerst prüfen, ob das Kind einen weiteren festen Termin braucht oder einfach mehr Fußball spielen möchte.

Letztens erzählte mir eine Mutter, dass ihr Sohn inzwischen Zusatztraining macht. Die beiden hatten bereits zwei Probetrainings besucht. Sie war unsicher, ob das für ihren Sohn vielleicht zu viel sein könnte. Die Mannschaft spielt in der U7.

Ich habe ihr von unserer Situation erzählt. In der U6 gab es bei uns zweimal pro Woche eine Stunde Vereinstraining und gelegentlich ein Spielfest. Ab der U7 trainieren die Kinder zweimal pro Woche jeweils anderthalb Stunden. Dazu kommen Spielfeste und an manchen Wochenenden Turniere. In einer maximal ausgelasteten Woche stehen damit bis zu vier Fußballtermine im Kalender.

Allein die Trainingszeit steigt von 120 auf 180 Minuten pro Woche. Das ist genau eine zusätzliche Stunde und damit 50 Prozent mehr Trainingszeit.

Was der Schulbeginn an der Belastung verändert

Mit der Schule verändert sich der Alltag der Kinder. Im Kindergarten konnten sie stärker selbst bestimmen, was sie machen und wann sie sich ausruhen oder in Gedanken vertieft etwas tun.

In der Schule gibt es feste Unterrichtszeiten und neue Regeln. Es kommen neue Kinder, neue Lehrer, eine neue Umgebung und ein neues Gebäude hinzu. Das Kind muss im Unterricht aufmerksam sein und Lernstoff aufnehmen. Der Unterricht läuft weiter, auch wenn es gerade lieber etwas anderes machen würde. Hausaufgaben kommen hinzu.

Das kostet Kraft und Aufmerksamkeit. Deshalb wollte ich bei unserem Sohn zunächst sehen, wie er in der Schule ankommt und wie er die erhöhte Trainings- und Spielbelastung aufnimmt.

Ein Kind, das in der U6 zwei Stunden Vereinstraining hatte und in der U7 drei Stunden trainiert, erlebt bereits eine deutliche Veränderung. Dazu kommen Spielfeste und Turniere. Wenn eine Woche maximal gefüllt ist, ergeben sich bis zu vier Fußballtermine.

Der DFB setzt im Kinderfußball auf kleine Spielformen mit vielen Ballaktionen. Die DFB-Trainingsvision betont eigene Entscheidungen und Lösungen der Kinder. Diese Ziele brauchen nicht automatisch einen weiteren festen Termin.

Mehr Fußball ist nicht automatisch mehr Training

Wir haben inzwischen zweimal 90 Minuten Vereinstraining pro Woche. Trotzdem fragen Kinder ihre Eltern manchmal: „Papa, können wir im Garten noch Fußball spielen?“ Schnell entsteht dann der Gedanke: Das Kind ist noch nicht ausgelastet. Es braucht vielleicht ein weiteres Training.

Da würde ich genauer hinschauen. Gerade fußballbegeisterte Kinder wollen häufig keinen weiteren Termin und keine zusätzliche Einheit mit Hütchen und vorgegebenen Übungen. Sie wollen mit ihren Eltern das machen, was ihnen am meisten Spaß macht.

Wenn mein Sohn fragt, ob wir im Garten kicken, möchte er mir vielleicht zeigen, was er schon kann. Vielleicht hat er einen neuen Trick gelernt, dribbelt besser oder schießt den Ball härter. Er sagt damit nicht automatisch: „Ich brauche noch ein Zusatztraining.“ Er möchte Anerkennung bekommen, etwas vorführen und Zeit mit seinem Vater verbringen.

„Papa, schau mal, was ich schon kann.“

Das gemeinsame Fußballspielen ist deshalb eine andere Situation als der Wunsch nach einer zusätzlichen Trainingseinheit. Im Garten entscheidet mein Sohn, was wir machen. Mal spielen wir eins gegen eins, mal möchte er ins Tor, mal bauen wir einen Parcours. Manchmal ist er der Trainer und erklärt mir, wie ich durch seine Übung dribbeln soll.

Der Unterschied ist einfach: Er bestimmt, was wir machen. Beim freien Spiel kann er Regeln verändern oder mittendrin etwas völlig anderes ausprobieren. Wenn sein Interesse verschwindet, ist auch die Übung beendet.

Ein Kind, das mehr Fußball spielen möchte, braucht nicht automatisch einen weiteren Termin. Manchmal braucht es nur einen Ball, etwas Platz und einen Vater, der zuschaut, staunt und mitspielt.

Wann Zusatztraining im Kinderfußball sinnvoll sein kann

Ich würde Zusatztraining im Kinderfußball nicht pauschal ausschließen. Es kann sinnvoll sein, wenn mehrere Bedingungen zusammenpassen:

  • Das Kind möchte selbst regelmäßig mehr Fußball spielen.
  • Der Verein trainiert nur einmal pro Woche und das Kind wünscht sich eine zweite Einheit.
  • Das Kind ist im Vereinstraining deutlich unterfordert.
  • Das Angebot bietet viele Ballaktionen und eigene Entscheidungen.
  • Schule, Schlaf, Freunde, freie Zeit und Familienleben bleiben stabil.
  • Der Termin ersetzt nicht das freie Spiel und erzeugt keinen zusätzlichen Druck.

Wenn ein Kind bereits zweimal pro Woche trainiert, an Spielfesten teilnimmt und am Wochenende Turniere spielt, muss ich zuerst die Gesamtbelastung anschauen. Dann lautet meine Frage nicht: „Wo passt noch eine Einheit hinein?“ Sie lautet: „Was soll dafür aus der Woche verschwinden?“

Feriencamps: Betreuung, Fußballerlebnis oder Training?

Ich bin nicht gegen jede zusätzliche Fußballaktivität. In den Schulferien schlage ich meinem Sohn Fußballcamps vor. Ich erkläre ihm, warum ich ein Camp interessant finde, und frage ihn, ob er daran teilnehmen möchte. Er entscheidet jedes Mal mit.

Ein Feriencamp hat einen wichtigen Unterschied zum wöchentlichen Zusatztraining: Es beginnt und endet. Außerdem findet es in einer Zeit statt, in der die Kinder schulfrei haben.

Viele Camps verbinden Ballübungen, verschiedene Spielformen und Betreuung. Sie sind damit auch Ferienbetreuung. Eltern sollten von solchen Angeboten kein gezieltes Leistungstraining erwarten.

Andere Anbieter beschreiben ihre Camps als leistungsbezogen oder als Trainingslager für ambitionierte Spieler. Dann lohnt sich ein Gespräch über Ziel, Alter, Trainingsform und Leistungsniveau. Die Beschreibung des Anbieters muss zum tatsächlichen Angebot passen.

Für uns ist ein Camp kein Versprechen auf einen großen Leistungssprung. Es ist eine Erfahrung. Danach entscheiden wir neu.

Was sich ab U9 verändert

Ab U9 liegt eine andere Ausgangslage vor als im frühen Kinderfußball. Wenn ein Kind in der U6 angefangen hat und in der U9 noch Fußball spielt, hat es ungefähr drei Jahre Training und Spielbetrieb erlebt.

Es hat über einen langen Zeitraum gezeigt, dass es Interesse am Fußball hat und gemeinsam mit der Familie dabeibleiben möchte. Kind und Familie haben außerdem erlebt, wie sich Training, Spielfeste und Spiele mit dem Alltag verbinden lassen. Dazu gehört auch der Übergang vom Kindergarten in die Schule.

Wenn ein Kind diesen Wechsel mitmacht und weiterhin regelmäßig zum Training und zu Spielen geht, wissen die Eltern besser, wie es die Belastung aufnimmt. Die Frage ist dann nicht mehr nur, ob ein zusätzlicher Termin in einen völlig neuen Alltag passt.

Bis dahin hat sich auch eher herauskristallisiert, wo das Kind in seiner Mannschaft steht. Wie entwickelt es sich? Wie findet es sich in Spielen zurecht? Wie wirkt die Mannschaft im Vergleich zu anderen Mannschaften? Spielfeste und Spiele geben dafür Hinweise. Die Zahl der Siege ist dabei nur ein Teil des Bildes. Entscheidend ist auch, ob das Kind Fortschritte macht und ob die Mannschaft als Gruppe vorankommt.

Nach drei Jahren Fußball lässt sich die Frage nach Zusatztraining anders beantworten als bei einem Kind, das erst seit einem Jahr oder noch kürzer spielt. Ab U9 prüfe ich deshalb nicht nur die zusätzliche Belastung, sondern auch das konkrete Ziel des Kindes.

Zusatztraining im Jugendfußball ab U9

Im Jugendfußball würde ich nicht automatisch eine weitere allgemeine Trainingseinheit buchen. Wenn ich mit den Übungen, der Qualität oder dem Anspruch im Vereinstraining unzufrieden bin, würde ich zuerst prüfen, ob der Verein zu meinem Kind passt.

Ist mein Kind überfordert, kann ein Verein mit leichteren und passenderen Übungen sinnvoller sein. Ist es unterfordert, suche ich eher einen Verein, der anspruchsvollere Aufgaben und bessere Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Ein Vereinswechsel ist dann sinnvoller, als dauerhaft zusätzliches Geld für ein Angebot auszugeben, das ein ungeeignetes Vereinstraining nur überdeckt. Gerade im höheren Alter wird ein Vereinswechsel organisatorisch einfacher, weil Kinder häufiger selbstständig zum Training gehen können.

Zusatztraining kommt für mich erst danach infrage. Es braucht ein konkretes Ziel. Das kann Athletik sein, mehr Spritzigkeit oder Ausdauer. Es kann um Schusstechnik, Passen oder Ballannahme gehen.

„Mein Kind soll besser im Fußball werden“ reicht mir nicht. Besser worin? Was soll sich verändern? Wie lange soll das Training dauern? Woran erkennen wir, ob es hilft?

Die Motivation sollte idealerweise vom Kind selbst kommen. Wenn Eltern regelmäßig überreden, erinnern oder mit Belohnungen arbeiten müssen, passt der zusätzliche Termin wahrscheinlich nicht zur aktuellen Situation.

„Will mein Kind dieses Zusatztraining wirklich – oder möchte ich später nur sagen können, dass ich alles getan habe?“

Was der Anbieter mit dem Probetraining bezweckt

Die Mutter erzählte mir, dass der Anbieter ihren Sohn nach den Probetrainings gut fand und ihn gern im Zusatztraining aufnehmen wollte.

Das kann eine ehrliche Einschätzung sein. Trotzdem dürfen Eltern den wirtschaftlichen Zusammenhang nicht vergessen. Ein kommerzieller Anbieter verdient grundsätzlich mehr, wenn mehr Kinder an seinem Training teilnehmen.

Das ist kein Grund, jeden Anbieter an den Pranger zu stellen. Es ist ein normaler Teil eines Geschäftsmodells. Der Anbieter hat aber ein eigenes Interesse daran, dass das Kind bleibt. Deshalb sollten Eltern ein Lob nach dem Probetraining nicht mit einer unabhängigen sportlichen Empfehlung verwechseln.

Welches konkrete Problem löst dieses Angebot für mein Kind?

Checkliste: Zusatztraining entscheiden

Vor einer Anmeldung würde ich mir diese Fragen stellen:

  1. Wer möchte das Zusatztraining: mein Kind, ich oder der Anbieter?
  2. Welches konkrete Ziel soll die zusätzliche Einheit verfolgen?
  3. Was bekommt mein Kind dort, was es im Verein nicht bekommt?
  4. Passt der Verein grundsätzlich zu meinem Kind?
  5. Wie viele Trainings, Spielfeste und Turniere finden bereits statt?
  6. Wie kommt mein Kind mit Schule, Hausaufgaben und neuen Regeln zurecht?
  7. Bleibt genug Zeit für Schlaf, Freunde, Familie und freies Spielen?
  8. Können wir nach vier bis sechs Wochen ehrlich prüfen, ob der Termin hilft?

Eine Pause ist kein Scheitern. Ein Angebot kann grundsätzlich passen und trotzdem gerade nicht in den Alltag des Kindes passen.

Mein Urteil: Zusatztraining braucht einen Grund

Im Kinderfußball von U6 bis U8 würde ich kein dauerhaftes Zusatztraining buchen, wenn es nur eine weitere allgemeine Einheit neben dem Vereinstraining wäre. Wenn ein Verein nur einmal pro Woche trainiert und kaum Spielfeste anbietet, kann die Abwägung anders ausfallen.

Ab U9 kann die Entscheidung anders ausfallen. Wenn das Kind über Jahre dabeigeblieben ist, die Familie die Belastung kennt und ein konkretes Ziel verfolgt, kann ein passendes Zusatztraining sinnvoll sein. Vorher würde ich prüfen, ob der Verein das Kind passend fordert und fördert.

Die Angst vor der verpassten Chance wird dadurch nicht verschwinden. Aber sie muss auch nicht jede Entscheidung bestimmen. Eltern können ihr Kind unterstützen, ohne jede Möglichkeit kaufen zu müssen.

Wenn mein Sohn im Garten kicken will, spiele ich mit ihm. Einen weiteren Termin buche ich erst, wenn er selbst ein konkretes Ziel verfolgt.