Entwicklung

Woran erkenne ich, dass mein Kind im Fußball Fortschritte macht?

Fortschritt sieht man im Kinderfußball selten von einem Training zum nächsten. Kurze Videoaufnahmen helfen mir, die Entwicklung meines Sohnes über längere Zeit zu erkennen und mit ihm gemeinsam einzuordnen.

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Vater und Kind schauen am Spielfeldrand gemeinsam auf einem Smartphone einen älteren Trainingsclip an.

„Der hat das immer noch nicht kapiert“

Ich unterhalte mich regelmäßig mit anderen Fußballvätern über die Mannschaft und unsere Kinder. Ein Gespräch ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.

Ein Vater zeigte auf eine Situation und sagte über seinen Sohn: „Ja, der hat das immer noch nicht kapiert.“ Ich habe auf seinen Jungen geschaut und ihm gesagt: „Schau mal, wie dein Junge den Ball abschirmt und körperlich gegenhält. Das macht er ganz anders als letztes Jahr.“

Dieser Moment blieb bei mir hängen, weil wir unsere Kinder ständig sehen. Wir stehen beim Training und bei Spielen am Rand und verfolgen jede einzelne Aktion. Dadurch vergleichen wir oft nur mit dem letzten Training oder dem vergangenen Spiel. Was sich über Monate verändert, verschwindet hinter den vielen kurzen Eindrücken.

Genau darin liegt das Problem: Fortschritt passiert oft langsam, aber wir beurteilen ihn in kurzen Abständen.

Der Rückblick macht die Entwicklung sichtbar

Ich wollte wissen, ob mein Eindruck stimmte. Also schaute ich mir zwei Aufnahmen meines Sohnes an.

Im Januar 2025 dribbelt mein Sohn durch Hütchen. Extrem langsam, nur mit rechts. Der Ball springt ihm oft weg.

Dann sehe ich eine aktuelle Aufnahme aus September oder Oktober 2026. Wieder dribbelt er durch Hütchen. Jetzt benutzt er beide Füße, ist viel schneller und führt den Ball akkurater.

Zwischen den Aufnahmen liegen knapp zwei Jahre. Von einem Training zum nächsten hätte ich diese Entwicklung nicht so klar benennen können. Im direkten Vergleich war sie nicht zu übersehen. Mein Gedanke war ungefähr: „Boah, das war eine extrem große Entwicklung.“

Da hatte ich meinen Maßstab gefunden. Nicht: Was hat er im letzten Training noch nicht gekonnt? Sondern: Was kann er heute, das vor einem Jahr noch ganz anders aussah?

Seitdem schaue ich im Training und bei Spielen genauer hin: Wie führt er eine Übung aus? Wie nimmt er den Ball an? Wie geht er ins Eins-gegen-eins, das im Training inzwischen verstärkt geübt wird? Dass er den linken Fuß häufiger benutzt, wusste ich längst. Erst der Rückblick auf die alte Aufnahme hat mir gezeigt, wie groß der Unterschied tatsächlich ist.

Für mich sind solche Aufnahmen kein Archiv über jedes Training. Sie sind ein Abstandshalter. Sie holen die Entwicklung aus dem täglichen Kleinklein heraus.

Meine Lösung: kurze Videos vergleichen

Aus diesem Vergleich ist meine Methode entstanden. Ich mache im Training kurze Videoaufnahmen von meinem Sohn. Kein ganzes Training und keine lange Dokumentation. Ein Clip dauert vielleicht 30 Sekunden oder eine Minute. Ich filme eine einzelne Übung oder Spielsituation, zum Beispiel ein Dribbling, einen Schuss oder Passspiel.

Das mache ich ungefähr einmal im Monat. Nur mein Sohn ist im Bild, keine anderen Kinder. Später vergleiche ich die neue Aufnahme mit älteren Videos. Je größer der Abstand zwischen den Aufnahmen ist, desto deutlicher sehe ich oft, was sich verändert hat. So bekomme ich einen längeren Blick auf seine Entwicklung, statt nur den letzten Eindruck zu bewerten.

Fortschritt ist nicht nur ein Tor

Die Videos zeigen mir einzelne Situationen. Im Spiel und bei Turnieren brauche ich trotzdem einen zweiten Maßstab. Auch die Ergebnisse der Mannschaft erzählen eine Geschichte. Die letzte Saison war die erste Fußballsaison unserer Mannschaft. Bei den frühen Turnieren kamen die Kinder nicht weit. Später wurden sie mehrfach Zweiter und Dritter. Beim letzten Turnier der Saison im Sommer gewannen sie. Aus meiner Sicht dominierten sie ihre Gegner vom Anfang bis zum Ende. Auch im Zusammenspiel habe ich Fortschritte gesehen.

Für die Entwicklung der Mannschaft beziehe ich solche Ergebnisse ein. Für die individuelle Entwicklung meines Sohnes spielen sie aktuell keine entscheidende Rolle. Ein Turniersieg sagt mir nicht, wie er den Ball annimmt, welche Entscheidung er trifft oder was er nach einem Ballverlust macht.

Wie passende Spielsituationen die Entwicklung von Kindern beeinflussen, habe ich im Beitrag über die Einteilung nach Spielstärke beschrieben.

Tore sind im Drei-gegen-drei ein möglicher Hinweis. Trotzdem halte ich es für falsch, die Entwicklung eines Kindes an Torzahlen zu messen. Ein Kind kann sich verbessern, ohne in jedem Spiel häufiger zu treffen. Es kann mutiger werden, den Ball besser kontrollieren, einen neuen Weg ausprobieren oder nach einem Fehler sofort weiterspielen.

Das sind die Veränderungen, nach denen ich suche. Der Maßstab ist nicht die Zahl auf der Anzeigetafel, sondern die nächste Handlung meines Kindes.

Woran ich Fortschritt erkenne

Am Anfang wich mein Sohn zurück, sobald ein anderes Kind zum Ball ging. Er suchte weder Zweikämpfe noch Körperkontakt.

Heute erlebe ich ihn als extrem spielbestimmend. Nach meiner Einschätzung analysiert er die Situation und erkennt, wann es sinnvoll ist, sich den Ball zu holen. Er setzt seinen Körper ein und schiebt im Kontakt den Gegner beiseite. Das ist für mich eine enorme Veränderung gegenüber dem Kind, das dem Ball und dem Zweikampf auswich.

Wenn ich ihn heute beobachte, schaue ich auf konkrete Handlungen:

  • Wie verhält sich mein Kind zum Ball?
  • Geht es in Zweikämpfe?
  • Was macht es nach einem Ballverlust? Geht es mit zurück?
  • Erkennt es einen anspielbaren Mitspieler?
  • Springt der Ball bei der Annahme noch weg?
  • Gelingen Richtungswechsel?
  • Probiert es Körpertäuschungen aus?

Ich notiere dafür keine Werte und vergebe keine Noten. Die Fragen lenken meinen Blick auf das, was im Spiel tatsächlich passiert.

Dabei ist mir ein Unterschied besonders wichtig: Eine Bewegung in der Übung zu können, bedeutet noch nicht, sie im Spiel zu wagen. Genau das habe ich bei einer Finte meines Sohnes erlebt.

Eine Finte zeigt, ob Übung ins Spiel kommt

In Übungen kann mein Sohn beide Bewegungen nach meiner Einschätzung sehr gut. Im Spiel setzte er sie zunächst trotzdem nicht ein. Auch im Eins-gegen-eins und in Trainingsspielen blieb er vorsichtig.

Ich fragte ihn sinngemäß: „Du kannst die Dinge schon gut. Traust du dich noch nicht, sie zu machen?“ Seine Antwort erinnere ich so: „Nee, ich habe Angst, dass ich den Ball verliere, deswegen mache ich das nicht.“

Wir sprachen darüber, was im schlimmsten Fall passieren kann: Die Körpertäuschung misslingt und der Gegner nimmt den Ball weg. Mehr passiert zunächst nicht.

Im Garten fragte ich ihn: „Hey, wollen wir das mal trainieren?“ Zuerst ließ ich ihn bewusst an mir vorbeigehen. So konnte er die Bewegung ohne Widerstand ausprobieren. Später verteidigte ich einzelne Versuche und ließ ihn nicht immer vorbei.

Nach einem Ballverlust sagte ich ungefähr: „Jetzt hast du einmal den Ball verloren. Was können wir als Nächstes machen, falls so ein Trick nicht klappt? Auch das wird passieren.“ Er schlug vor: „Ja, ich kann meinen Körper reinstellen.“ Das übten wir gemeinsam.

Wenn die erste Finte nicht klappte, stellte er den Körper zwischen Ball und Gegner. Danach versuchte er eine weitere Körpertäuschung und ging anschließend vorbei. Das war der konkrete Ablauf, den wir erprobten.

Nach den vielen Versuchen fragte ich sinngemäß: „Wir haben das jetzt 30 Mal probiert. Wie oft hast du den Ball verloren und ein Gegentor bekommen?“ Er antwortete: „Ein oder zwei Mal.“ Ich bestätigte das. Wichtiger als diese Zahl war, dass er ausprobieren konnte, wie er nach einer misslungenen Finte weiterspielt.

Vom Garten ins Training und ins Spiel

Der Gartenversuch allein reichte nicht. Es brauchte mehrere Anläufe und gemeinsame Gelegenheiten. Wir spielen selbst viel miteinander und wollten durch das wiederholte Ausprobieren Regelmäßigkeit schaffen.

Üblicherweise sind wir rund 20 Minuten vor Trainingsbeginn da. Mir geht es darum, pünktlich zu sein, in Ruhe anzukommen und alle zu begrüßen. Wenn das Training um 17 Uhr begänne, wären wir als Rechenbeispiel etwa um 16:40 Uhr da.

Während der Trainer aufbaut, entstehen solche Gelegenheiten. Dann frage ich: „Hey, wollen wir kurz ein bisschen was ausprobieren?“ Auch zum Warmmachen vor Spielefesten und Turnieren probierten wir die Finten aus.

Der nächste Schritt war das Training. Ich sprach mit dem Trainer darüber. Die Trainer hatten das Problem auch selbst gesehen. Nach meiner Erinnerung sagten sie sinngemäß: „Deswegen trainieren wir das ja, damit sie es in den Situationen ausprobieren.“ Danach arbeiteten sie in Eins-gegen-eins-Übungen daran.

In diesen Übungen ermutigte ich meinen Sohn, einen Übersteiger zu versuchen. Das funktionierte zuerst im Training. Der Schritt ins Spiel stand noch aus.

Bei Spielefesten treffen wir auf stärkere und schwächere Mannschaften. Ich schlug ihm vor, es zuerst gegen einen etwas schwächeren Gegner zu versuchen. Oder: „Mach es von mir aus, wenn ihr 2:0 führt.“ Ich wollte, dass er im Spiel ein Gefühl für den Versuch bekommt. Das war meine persönliche Ermutigung, keine Regel für andere Kinder.

Der entscheidende Schritt war deshalb nicht nur, dass die Finte gelang. Mein Sohn musste sich zuerst trauen, sie im Spiel überhaupt zu versuchen.

Der Fortschritt zeigt sich auch nach dem Fehler

Die Finte muss nicht jedes Mal gelingen. Bei meinem Sohn zeigt sich Fortschritt auch darin, wie er mit dem misslungenen Versuch umgeht. Das sehe ich bei Körpertäuschungen genauso wie beim normalen Dribbling. Er sucht unmittelbar die nächste Aktion: Was mache ich, wenn die erste Aktion nicht klappt?

Er setzt direkt seinen Körper ein und versucht, den Ball wiederzuerobern. Das klappt nach meiner Beobachtung sehr gut. Mir fällt auf, wie unmittelbar er reagiert und weitermacht, auch wenn er den Ball nicht zurückbekommt.

Entscheidend ist manchmal nicht der erste Versuch, sondern die nächste Aktion.

Die Videos helfen auch meinem Kind

Genau dafür sind die älteren Aufnahmen auch für meinen Sohn hilfreich. In einer schwierigen Situation kann ich ihm zeigen: „Guck mal, das hast du schon geschafft. So bist du früher gedribbelt, jetzt dribbelst du so. So hast du früher geschossen, jetzt kannst du schon so schießen.“

So wird Entwicklung für ihn greifbar. Er sieht nicht nur, was gerade noch nicht klappt. Er sieht auch, was er bereits gelernt hat. Das motiviert ihn, weiter dranzubleiben.

Für mich bleiben die Videos ein Feedback: Wo steht mein Kind gerade? Was gelingt ihm heute, das früher noch schwierig war? Und woran arbeiten wir gerade, ohne aus jedem Training eine Bewertung zu machen?

Dabei prüfe ich auch regelmäßig, ob ich mein Kind gerade begleite oder es mehr will als mein Kind.

Diese Sicht passt auch zu den Ausbildungsprinzipien des DFB. Der Verband beschreibt häufige Ballaktionen und eigene Lösungen als Ziele des Kinderfußballs. Die Trainingsvision der DFB-Akademie betont freies Spielen und Zeit zum Ausprobieren. Ich betrachte deshalb nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Versuch und die nächste Entscheidung.

Drei Fragen für den Blick aufs eigene Kind

Wenn du die Entwicklung deines Kindes einordnen willst, fang mit drei Fragen an:

  1. Was gelingt meinem Kind heute anders als früher? Zum Beispiel eine Ballannahme, ein Richtungswechsel oder eine Aktion mit dem seltener benutzten Fuß.
  2. Was probiert es gegen Gegenspieler aus? Eine sicher ausgeführte Übung und der erste Versuch im Spiel sind unterschiedliche Beobachtungen.
  3. Was tut es nach einem misslungenen Versuch? Schau auf die nächste Aktion, auch wenn die Balleroberung noch nicht gelingt.

Beobachte solche Situationen über mehrere Trainings und Spiele. Ein kurzer Clip pro Monat reicht dafür aus. Du musst kein komplettes Training aufnehmen. Film nur dein eigenes Kind und vergleiche nicht nur die letzte, sondern auch deutlich ältere Aufnahmen.

Dann klappt es im Spiel

Die drei Fragen führen für mich zu einer einfachen Beobachtung zurück: Hat mein Sohn etwas, das er im Training übt, irgendwann im Spiel ausprobiert?

Bei einem der letzten Spiele probierte mein Sohn eine Finte und kam am Gegner vorbei. Welche Finte es genau war, bleibt unbenannt. Im anschließenden Gespräch fragte ich ihn danach. Seine Antwort war sinngemäß: „Ja, das hat geklappt, ich bin vorbeigekommen.“

Ich sagte ihm: „Das ist genau das, warum du es trainierst, damit du es im Spiel anwenden kannst.“

Für mich lag der Fortschritt nicht nur darin, dass die Bewegung gelungen war. Mein Sohn hatte sie im Spiel ausprobiert, war am Gegner vorbeigekommen und wusste selbst, dass es funktioniert hatte.